„Das würde ich heute anders machen …“
Pflege beginnt oft aus Liebe und mit viel Elan. Häufig endet sie an den eigenen Grenzen. Drei pflegende Angehörige blicken zurück und berichten, was sie heute anders machen würden.
Als die Eltern von Sabine Behrens pflegebedürftig wurden, war für sie schnell klar, dass sie die Pflege übernehmen würde. Sie lebte nur 300 Meter entfernt, ihre drei Brüder hingegen in anderen Städten. „Anfangs lief alles gut. Im Rückblick war ich aber sehr naiv und wusste nicht, was wirklich auf mich zukommt“, sagt die heute 56-Jährige.
Man riet ihr früh, die Einwilligung ihrer Eltern dafür einzuholen, dass das Pflegegeld direkt an sie als pflegende Angehörige überwiesen werden dürfe. „Es ist ja schließlich das Geld der Eltern.“ Das erwies sich mit der Zeit als Fehler, denn mit zunehmender Pflegebedürftigkeit – der Vater mit Pflegegrad 4, die Mutter mit Pflegegrad 3 – wuchs ihr Aufwand erheblich. Gleichzeitig lehnten die Eltern immer häufiger Hilfe ab. Der Vater hatte zwar mehrere Stürze hinter sich, wollte aber trotzdem alles selbst erledigen. Die Mutter unterstützte ihn darin und fuhr sogar noch Auto, als sie dazu kaum noch in der Lage war.
Unterstützung wurde als selbstverständlich gesehen
Für Sabine Behrens bedeutete das eine Rund-um-die-Uhr-Belastung. Die langjährige Tagesmutter musste beruflich zurückstecken. Kosten für Fahrten, Einkäufe oder Besorgungen erstatteten die Eltern nicht, sondern setzten die Unterstützung durch ihre Tochter als selbstverständlich voraus. Schließlich kündigten sie Pflegedienste, zogen Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zurück. Davon erfuhr Sabine Behrens nur durch Zufall. „Ich hatte keine Generalvollmacht, weil ich dachte, wir vertrauen uns. Plötzlich hatte ich keine Handhabe mehr.“
Im Dezember 2025 beendete sie die Pflege. „Ich hatte alles ausprobiert und keine Kraft mehr.“ Dennoch sagt sie heute, dass sie die Pflege grundsätzlich wieder übernehmen würde, aber anders. „Ich hätte Pflege und Familie klar trennen müssen, wie einen Minijob, und nicht ständig verfügbar sein dürfen.“ Ihr Rat: frühzeitig Vollmachten regeln und bei wichtigen Unterschriften immer eine zweite Person hinzuziehen. Vertrauen allein reicht oft nicht aus.
Früher Grenzen setzen
Nadine Braun (Name geändert) lebte viele Jahre mit ihrer Mutter zusammen in ihrem Elternhaus. Sie wohnte im Erdgeschoss, ihre Mutter oben. Alles lief gut, bis die Mutter im Sommer 2018 vier Schlaganfälle erlitt, die zu einer linksseitigen Lähmung bei der damals 64-Jährigen führten. „Ich war völlig überfordert, weil ich mit so einer Situation noch nie zu tun hatte“, erinnert sich Nadine Braun. Trotzdem beschloss sie, die häusliche Pflege zu übernehmen. Die Mutter zog in das zwischenzeitlich barrierefrei umgebaute Erdgeschoss. Nadine selbst siedelte in die erste Etage um und dachte lange, alles zu schaffen. Doch mit der Zeit wurde die Belastung aus Beruf, Pflegealltag und ihrem Hobby, dem Reiten, zu groß – trotz Pflegedienst und Tagespflege.
„Ich hatte mein eigenes Leben komplett aufgegeben“
Nadine reagierte zunehmend gereizt auf ihre Mutter und deren Bedürfnisse, weitere Unterstützung gab es kaum. Nach anderthalb Jahren gestand die heute 45-Jährige sich ein, dass es so nicht weitergehen könne. „Ich hatte mein eigenes Leben komplett aufgegeben und wurde weder meinem Beruf noch meinem Pferd gerecht“, sagt sie. „Ich konnte nicht mehr.“
Ihre Mutter lebt seit mittlerweile sechs Jahren in einem Pflegeheim. Der Umzug und die neue Umgebung waren hart. Die Tochter ist dennoch froh, sich gerade noch rechtzeitig aus der Pflege quasi herausgeschnitten zu haben. Sie sagt heute: „Rückblickend hätte ich bei der Pflege meiner Mutter viel früher Grenzen setzen müssen. Ich hatte mich selbst völlig vergessen.“
Rechtzeitig mit dem Thema Pflege beschäftigen
Carola Dietrich-Soßdorf pflegt seit vier Jahren ihren Partner Stefan Würth, der an einem Hirntumor leidet. Er galt bei der Entlassung aus der Klinik als „austherapiert“, doch die intensive Pflege durch seine Partnerin ließ ihn aufleben, auch das zuvor stark beeinträchtigte Gedächtnis hat sich erholt.
Die heute 65 Jahre alte Carola Dietrich-Soßdorf hat über 30 Jahre im Werkschutz gearbeitet – ein Job, der Eigenschaften wie Entschlossenheit und Durchsetzungskraft trainiert. Das kommt ihr heute bei der Pflege zugute. „Ich habe mir mit viel Geduld alle notwendigen Hilfsmittel durchgesetzt und organisiert“, sagt sie. Widersprüche hätten sie nicht entmutigt; mühsam und ausdauernd habe sie sich in Gesetze und Paragrafen eingearbeitet.
Ein letztlich erfolgreicher Weg. Trotzdem würde sie heute einiges anders machen. „Ich hätte mich viel früher allgemein mit dem Thema Pflege beschäftigen müssen – am besten noch in gesunden Zeiten“, sagt sie. Wie viele andere habe sie das Thema lange verdrängt. „Dann kam alles auf einmal, und ich bin vom Regen in die Traufe gekommen.“
Sie rät anderen pflegenden Angehörigen, frühzeitig vorzusorgen, einen groben Fahrplan und To-do-Listen anzulegen, um den Überblick zu behalten. Wer muss informiert werden? Welche Hilfsangebote gibt es vor Ort? Wo bekomme ich Unterstützung? Diese Fragen sollten möglichst früh geklärt sein. Auch ihre Haltung zum Leben habe sich verändert: „Ich gehe heute gelassener mit schwierigen Situationen um – weil ich weiß, dass sich alles von heute auf morgen ändern kann.“
Von Stella Cornelius-Koch, Journalistin, Bremen.