Im Sog der Sucht: Wenn der Rausch zum Alltag wird
Eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen kommt meistens schleichend und trifft häufig Menschen mit besonderen Belastungen. Wichtig ist eine offene Kommunikation – und zwar der Betroffenen wie auch ihres Umfelds.
Die Gefahr kam schleichend. Wenn Sven sich an die Anfänge seiner Sucht erinnert, hat er schöne Bilder aus gemeinsamen Zeiten mit guten Freunden vor seinem geistigen Augen. Viermal im Jahr fuhren sie damals auf Festivals, genossen die Musik, die Atmosphäre, das Ausbrechen aus dem Alltag. Und das Kokain, das ein Freund stets griffbereit dabeihatte. „Ich fühlte mich gut und stark, wenn ich das Zeug nahm“, sagt Sven heute. Und irgendwann kam der Gedanke in ihm auf, das weiße Pulver auch mal zuhause zu inhalieren, wenn der Alltag wieder gar zu stressig wurde. „Wenn ich das Kokain nahm, ging alles besser und leichter von der Hand“, sagt der 54-Jährige, der in einer Kleinstadt südlich von Hamburg lebt, heute. Das Problem: Irgendwann hatte er seinen Koks-Konsum nicht mehr im Griff. Er brauchte den Stoff immer häufiger.
Langsames Abgleiten in die Sucht
Es war kein rascher Absturz, sondern ein langsames Abgleiten in einen Zustand der Sucht. Eine Erfahrung, die auch Yvonne gemacht hat. Die heute 47-jährige Oldenburgerin aus einer Familie mit vorbelasteter Geschichte – Großvater und Vater hatten Alkoholprobleme – begann schon als Teenager, Alkohol zu trinken. Das fiel zunächst gar nicht auf, in ihrem Umfeld machten es ja alle so. Ein erster großer Einschnitt war die Schwangerschaft, da war Yvonne 24 Jahre alt. Weil sie sich nicht mehr mit ihren Freundinnen und Freunden treffen konnte, fühlte sie sich ausgeschlossen und einsam. Die eigentliche Abwärtsspirale begann jedoch erst während der Corona-Pandemie, als die alltäglichen Strukturen wegbrachen. „Aus kleinen Prosecco-Dosen wurde eine Flasche Wodka täglich. „Eines Morgens wachte ich auf und merkte, dass ich Entzugserscheinungen hatte.“
„Dieses allmähliche, lange unmerkliche Abgleiten in eine Sucht ist sehr typisch“, sagt Manuel Seewald, Chefarzt und Facharzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und Sozialmedizin an der Fachklinik Weser-Ems im niedersächsischen Oldenburg. Die Ursachen für eine Sucht können ganz unterschiedlich sein – eine Depression, Stress im Alltag oder eine außergewöhnliche Belastung sind sehr häufig dafür ausschlaggebend, so Seewald. Manche Menschen sind dagegen resilient, aber andere suchen Ablenkung und Hilfe in Alkohol oder anderen Drogen. „Das kann zu einem guten Teil genetisch, also durch die familiäre Herkunft, bedingt sein.“
Dauerbelastung ist potenzielles Risiko – auch für pflegende Angehörige
Der Gefahr, in eine Sucht abzugleiten, unterliegen besonders auch Menschen, die unter einer besonderen Dauerbelastung stehen. Zum Beispiel, weil sie einen undankbaren Angehörigen pflegen. Eine Dauerbelastung ist immer anstrengend, und der Griff zu Substanzen kann für viele zu einem gefährlichen Bewältigungsmechanismus werden, heißt es in einer Untersuchung des American Institutes of Health Care Professionals. Hauptrisikofaktoren sind die ständige Verantwortung, die körperliche und seelische Erschöpfung. Ein weiterer Faktor ist soziale Isolation, weil die Betroffenen keine Zeit mehr haben, ihre Kontakte zu pflegen. Was folgt, ist die Flucht in Alkohol oder Drogen. Hinzu kommt, dass die Betroffenen sich selten in eine Therapie begeben, weil sie von ihnen betreuten Kranken nicht im Stich lassen wollen.
Der schleichende Prozess ist die besondere Gefahr
Peter Strate, Chefarzt und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Asklepios-Klinik Nord in Hamburg-Ochsenzoll weist auf die besondere Gefahr durch den schleichenden Prozess hin: „Viele Menschen bewegen sich zwischen unproblematischem, problematischem und abhängigem Konsum von Alkohol oder anderen Suchtmitteln, ohne es selbst zu merken. Das gilt insbesondere dann, wenn das Umfeld genauso agiert.“ Wichtig: Eine Sucht sei immer eine eigenständige Krankheit, nicht Teil einer anderen, wie zum Beispiel einer Depression.
Yvonne und Sven teilen neben dem allmählichen Abgleiten eine weitere Gemeinsamkeit: die Erfahrung, wie schwer es ist, sich irgendwann selbst einzugestehen, dass sie süchtig waren. „Ich wollte vor mir selbst nicht zugeben, dass ich süchtig bin“, sagt Sven. Und doch sei der wichtige erste Schritt, mit der Sucht offen und transparent umzugehen. „Ich hatte eine sehr große Angst, durch meine Familie und meine Freunde stigmatisiert zu werden. Dabei geschah genau das Gegenteil: Von allen Seiten wurde ich fantastisch unterstützt.“
Angehörige sollten das offene Gespräch suchen
Das Umfeld, also Partner oder Partnerin, Familie, Freunde, Kollegen, spielen sowohl beim Abgleiten in eine Sucht in vielen Fällen eine Rolle – aber auch bei dem Weg aus ihr hinaus. Eine Erfahrung, die Sven ganz direkt gemacht hat. Denn, nachdem es ihm lange gelungen war, seinen Kokain-Konsum zu verbergen, kam seine Frau ihm schließlich auf die Schliche. Sie reagierte genau richtig – nicht anklagend und verurteilend, sondern ruhig und verständnisvoll. „Es ist auch wichtig, nicht Mitleid zu zeigen, sondern Mitgefühl“, so die Erfahrung von Experte Peter Strate aus zahlreichen Gesprächen mit Patientinnen und Patienten. Gerade in der Geheimhaltung liege eine große Gefahr. Deshalb rät auch Manuel Seewald: „Angehörige, Freunde, Ehepartnerinnen und -partner sollten möglichst offen das Gespräch mit dem Abhängigen suchen, auch wenn das sicher nicht einfach ist.“
Erst die Entgiftung, dann die Therapie
Wer den ersten Schritt des Eingestehens seiner Sucht getan hat, hat noch einige weitere vor sich. Yvonne und Sven offenbarten sich jeweils ihren Hausärzten, und die sorgten dafür, dass sich beide einer Entgiftungskur unterzogen. „Nur wer sie erfolgreich absolviert hat, bekommt bei uns einen Therapieplatz“, erklärt Manuel Seewald. Die Rückfallquote danach ist hoch und kann bei bis zu 80 Prozent liegen. „Wichtig ist in diesem Fall, dass sie sich möglichst schnell wieder Hilfe suchen und auch in ihrem Umfeld wieder Unterstützung finden“, betont Peter Strate. Ein unterstützendes Umfeld muss nun eine fast paradoxe Haltung einnehmen: Es muss Stabilität bieten, ohne zu kontrollieren. Verständnis zeigen, ohne die Krankheit zu entschuldigen.
Yvonne und Sven sind optimistisch, dass sie es schaffen, aber sie sehen auch realistisch die Gefahren. Beide habe eine Erkenntnis erlernen müssen, die auch für viele andere Menschen sehr wichtig werden kann: Alkohol und Drogen sind nicht die Lösung eines Problems, sondern ein Teil davon.
Von Armin Fuhrer, Journalist, Oldenburg.
Weitere Informationen:
Verschiedene Organisationen bieten eine erste Beratung für Betroffene an und zum Teil auch für deren Umfeld. Auf ihren Webseiten sind auch lokale Angebote zu finden.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: www.dhs.de/service/suchthilfeverzeichnis/
Caritas: www.caritas.de/glossare/suchtberatung
Diakonie: www.diakonie.de/informieren/infothek/2023/november/suchthilfe-hilfe-fuer-betroffene-und-angehoerige
DRK: www.drk.de/hilfe-in-deutschland/gesundheit-und-praevention/suchtberatung/
AWO: www.awo-en.de/sucht-und-drogenberatung
Blaues Kreuz: www.blaues-kreuz.de/de/wege-aus-der-sucht
Kreuzbund: www.kreuzbund.de
Freundeskreise: www.freundeskreise-sucht.de/startseite